So gewinnen wir den Architekturüberblick wieder…

Unzählige Businessprozesse, Datenstrukturen, Applikationen und physische Systeme sind aufs engste miteinander verwoben.  Wer kann da noch den Überblick behalten? Ist es überhaupt möglich, dass einzelne Personen noch den Überblick haben? Wenn der Überblick verloren geht sind auf jeden Fall Probleme vorprogrammiert, insbesondere im IT – Business Alignement.

Doch beginnen wir von vorne. In meinen Schulungen über Architekturmanagement schildern viele Teilnehmer die obige Situation. Damit verbunden haben die entsprechenden Organisationen je länger wie mehr Mühe, sich um die Bedürfnisse des Business zu kümmern. Viel mehr beginnt sich die IT Organisation mit sich selber zu beschäftigen, das heisst von einer Feuerwehrübung zur Anderen zu eilen. Dynamische IT Organisationen erkennen diesen Missstand und versuchen die wuchernden Architekturen in den Griff zu bekommen. Dabei greifen Sie auf das Architekturmanagement Framework TOGAF zurück und setzen auf eine ‚Baseline First‘ Strategie bei der Iterierung von einzelnen ADM Phasen in TOGAF. Dieses in der Praxis bewährte Vorgehen möchte ich im Folgenden erläutern.

ADM: der Kern von TOGAF

TOGAF enthält die Themenbereiche ADM Guidelines & Techniques, Architecture Content Framework, Enterprise Continuum & Tools, Reference Models, das Architecture Capability Framework sowie den Kern von TOGAF, die Architecture Development Method (ADM). Das gesamte Framework ist auf der Opengroup Webseite öffentlich zugänglich.

ADM Guidelines & Techniques befasst sich mit konkreten Techniken zur Unterstützung des ADM. Dazu gehört z.B. das Erstellen der Architecture Principles, Business Scenarios, Stakeholder Management oder die GAP Analyse.

Das Content Framework strukturiert den Output aus der Architekturarbeit. Im Enterprise Continuum werden Architekturen und Lösungen klassiert in wiederverwendbare (generische) und organisationsspezifische (specific) Komponenten.

Die beiden Referenzmodelle TRM und III-RM können als Ausgangsbasis für Technologie- und Applikationsarchitekturen herangezogen werden.

Im Capability Framework gibt TOGAF Empfehlungen, was alles beachtet werden muss zur Etablierung einer effektiven Architekturfunktion. Dazu gehören die Ausgestaltungen des Architektur Boards, das Skills Framework oder Empfehlungen zu Architektur Verträgen.

Im Kern von TOGAF, der Architecture Development Method, wird beschrieben wie eine Architektur konkret ausgestaltet, implementiert und überwacht wird.

ADM

Bild 1: The ADM

Die Ausgestaltung beginnt in Phase A mit der Definition des Projektauftrages. In den Phasen B bis D wird die Architektur für die Layer Business, Daten, Applikationen und Technologie ausgestaltet. Dabei wird je Layer die aktuelle Architektur (TOGAF spricht von Baseline Architecture) und die Zielarchitektur (Target Architecture) definiert. In der Lückenanalyse werden die Komponenten identifiziert, welche im Rahmen von Projekten implementiert werden sollen. In den Phasen E und F wird dann die konkrete Umsetzung geplant und vorbereitet. Zur schrittweisen Umsetzung der Zielarchitektur schlägt TOGAF die Verwendung von Zwischenarchitekturen (Transition Architectures) vor. Die Implementierung erfolgt dann im Rahmen von Implementationsprojekten unter Kontrolle der Phase G. Diese Kontrolle stellt sicher, dass die Umsetzungsprojekte auch tatsächlich durchgeführt werden und dass die implementierten Lösungen mit der Zielarchitektur konform sind. Phase H stellt sicher, dass die Architekturen und Lösungen stetig den sich ändernden Anforderungen des Business angepasst werden. Stehen Anpassungen an, wird von der Phase H ein neuer ADM Cycle initiiert.

Dieser Ablauf erscheint auf den ersten Blick starr und damit nicht praxistauglich. Zur dynamischen Anwendung des ADM schlägt TOGAF deshalb verschiedene Adaptionen des ADM vor.

Adaptionen des ADM

Die Anpassung des ADM an die Praxis erfolgt durch die Anwendung von Iterationen innerhalb des ADM, Iterationen auf verschiedenen Detailierungslevels, die Anpassung an Security und das Konzept der Service orientierten Architektur. Die Iterationen innerhalb des ADM können in unterschiedlichen Varianten erfolgen. TOGAF schlägt die Capability Iteration (Phasen Preliminary und Phase A), die Architecture Development Iteration (Phasen B bis D, teilweise bis F), die Transition Planning Iteration (Phasen E und F) sowie die Architecture Governance Iteration (Phasen G und H) vor.

ADM iterations

Bild 2: ADM iterations

Die Iteration von ADMs auf unterschiedlichen Detailierungslevels nennt TOGAF ‚Iterations between cycles‘ und meint die Verknüpfung von mehreren ADM Cycles auf unterschiedlichen Detailierungslevels über die Phase F.

Iterations between cycles

Bild 3: Iterations between cycles

Die Anpassung von TOGAF an Security Management und SOA wird hier nicht genauer beschrieben.

In der eingangs erwähnten Situation, wo die Übersicht über die aktuelle Architektur fehlt wird in der Praxis bevorzugt die Archtecture Development Iteration verwendet. Dabei werden die Phasen B bis D, teilweise auch nur die ‚IT nahen‘ Phasen C und D iteriert.

Approach bei der Architecture Development Iteration

Die Iteration der Phasen B bis D kann nach dem Approach ‚target first‘ oder ‚baseline first‘ erfolgen. Das heisst die ersten Iterationen fokussieren zuerst auf die Zielarchitektur (target). In der oben erwähnten Situation wird der Approach ‚baseline first‘ gewählt. Damit wird in den ersten Iterationen die aktuelle (baseline) Architektur eruiert. Erst dann wird über das Entwickeln der Zielarchitektur welche das Business optimal unterstützt nachgedacht.

Besteht Klarheit über den Zustand der aktuellen Architektur oder ist der Zustand der aktuellen Architektur irrelevant, wird die Iteration sinnvollerweise nach dem Approach ‚target first‘ strukturiert. Dieser Ansatz macht Sinn, wenn komplett neue Architekturen aufgebaut werden müssen.

Verkettung von Iterationen

In der Praxis ist es wichtig, je nach Bedürfnissen verschiedene Iterationen miteinander zu verketten. So machen im eingangs erwähnten Beispiel folgende Iterationen Sinn:

  1. Architecture Development Iteration mit dem approach ‚baseline first‘
  2. Architecture Capability Iteration
  3. Architecture Transition Iteration
  4. Architecture Governance Iteration

Im ersten Schritt wird zuerst Klarheit geschaffen über den aktuellen Zustand der Architekturen. Erst dann wird über sinnvolle Zielarchiteturen nachgedacht. Bevor die Umsetzung in Angriff genommen wird, sollten im 2. Schritte die Fähigkeiten und die Positionierung der Architekturfunktion optimiert werden. Im 3. Schritt kann dann die Transition strukturiert und geplant werden. Im Schritt 4 wird durch die gut positionierte Architekturfunktion die architekturkonforme Umsetzung effizient sichergestellt.

Nutzen in der Praxis

Der Nutzen in der Praxis liegt auf der Hand: Durch die Anwendung der von TOGAF vorgeschlagenen ADM Anpassungen wird nicht stur nach einem fixen Ablauf verfahren welcher unnötig Ressourcen verschwendet. Vielmehr wir die Anwendung des ADM organisationsspezifisch adaptiert. Das schont Ressourcen und erhöht die Akzeptanz der Architekturarbeit.

Wenn Sie TOGAF und dessen Anpassung an Ihre Situation besser kennen lernen wollen, unterstütze ich Sie gerne im Rahmen unserer TOGAF Trainings.


 

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Über Daniel Schmid

Daniel Schmid hat langjährige Erfahrungen als Line Manager im IT Management und ist ausgewiesener Kenner von Best Practice Frameworks wie ITIL, CobIT und TOGAF. Weiter hat er fundierte Kenntnisse im IT Financial Management sowie dem IT Einkauf. Er ist Dipl. Wirtschaftsinformatiker Universität Zürich, Certified ITIL Expert in IT Service Management, Certified IT Service Manager sowie TOGAF 9 Certified. Daniel Schmid ist seit 2003 in der Informatik tätig. Er befasste sich in einem Schweizer Energieunternehmen, zuletzt in der Rolle als Head IT Governenance & Controlling, hauptsächlich mit den folgenden Themen: • Einführung und Durchsetzung von wirkungsvollen Kostenkontrollmassnahmen • Einführung und Durchsetzung von ITIL Prozessen, insbesondere IT Change Management • Einführung des IT Teils des gesetzlichen Internen Kontroll Systems (IKS) • Durchführen von Kundenumfragen in Zusammenarbeit mit der Universität Bern • Professionalisierung und Durchsetzung des zentralen IT Einkaufs • Durchführung von IT Benchmarks • Konzipierung und Erstellung der IT Service Kostenkalkulation, Kostenverrechnung und Erstellung der Service Verträge

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