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Ist IPv6 das zu knackende Osterei für eine erfolgreiche digitale Transformation?

Veröffentlicht am von Cloud Computing, IT Governance, ITIL

Die digitale Revolution verändert die Geschäftsprozesse in einem nie dagewesenen Umfang. Durch das Internet of (Every-)thing werden Produkte zu Services und ermöglicht damit eine viel stärkere Interaktion zwischen Konsumenten und Unternehmen. IoT hat ein enormes Potential, das bei weitem mehr ist, als selbst-bestellende Kühlschränke oder Waschmaschinen, welche sich selbst für den Wartungsservice anmelden. Alle erdenklichen Dinge, Abläufe und gar Menschen werden mit Sensoren versehen und mit Hilfe elektronischer und digitaler Systeme laufend überwacht, vermessen und mit aktuellen Informationen versehen.

IoT Internet Of Things

IoT Internet Of Things

Dies wird dadurch ermöglicht, dass jedes dieser «Dinge» eine eigene Internet-Adresse erhält und damit direkt adressierbar wird. Die Anzahl solcher zu vernetzenden Dinge steigt exponentiell an und wäre mit dem bis heute noch in den meisten Organisationen gängigen IPv4-Netzwerk nicht realisierbar. Denn unter IPv4 sind die verfügbaren IP-Adressen schon seit langem knapp und werden praktisch nicht mehr öffentlich vergeben. Viele Internet-Provider setzen daher technische Tricks mit NAT (Network-Adress-Translation) ein, um eine der raren öffentliche IPv4-Adresse für eine Vielzahl von Kunden zu «sharen» und diesen private IPv4-Adressen zuweisen. Viele Organisationen haben somit gar keine festen öffentlichen IP-Adressen, sondern teilen sich diese mit «fremden» Organisationen. Dass dies schon aus Sicherheitsgründen nicht ideal ist, kann man sich leicht vorstellen.

Deswegen wurde von einigen Jahren IPv6 eingeführt und damit eine enorme Erweiterung des Adressraums: Diese Erweiterung hat zur Folge, dass im Prinzip jeder Quadratmillimeter der Erde mit über 600 Billiarden IP-Adressen versehen werden könnte. Damit hat man wohl fürs erste ausgesorgt.

IPv6 und IPv4 sind jedoch nicht kompatibel. Neue Märkte wie beispielsweise in Asien arbeiten nur unter IPv6, während die meisten traditionellen Unternehmen in Europa und Amerika noch ihre IPv4-Netzwerke betreiben. Eine Umstellung auf IPv6 ist nicht ohne weiteres möglich, sondern erfordert grössere Planung und in aller Regel auch eine grössere Investition (http://iot6.eu/ipv6_for_iot). Es geht nicht bloss um den Ersatz von ein paar Routern oder Switches. Jeder Server, jede Datenbank, jede Applikation welche direkt mit IP kommuniziert, ist unmittelbar betroffen. Wie stark eine Anwendung sich direkt auf IP-Netzwerkebene begibt, lässt sich von aussen nicht feststellen. Wenn Software-Entwicklungsrichtlinien heute nicht klar vorschreiben, wie Netzwerkadressierung zu behandeln ist, dann werden heute entwickelte Applikationen auf Jahre hinaus nicht für die digitale Zukunft einsetzbar.

Man kann die IPv6-Umstellung ein wenig mit dem Jahr 2000-Problem vergleichen, welches bei der  Jahrtausendwende viele Unternehmen arg ins Schwitzen brachte. Es sind alle in der Organisation betroffen und müssen am Design des neuen Netzwerkes mitwirken. Vielfach sind die Netzwerke in Unternehmen auch organisch über die Jahre gewachsen und lassen sich nicht mehr so einfach neu «ordnen». Eine Neukonzeption steht oft ohnehin im Raum, wird aber aufgrund des Aufwandes gerne ausgesessen. Dabei ist IPv6 DIE CHANCE für eine neue Netzwerkarchitektur.  Die Einführung von IPv6 ermöglicht es, die Altlasten der historisch gewachsenen Strukturen loszuwerden und mit bereinigten Konzepten in die Zukunft zu segeln.

Wer jetzt jedoch den Weg in die digitale Transformation auf sich nehmen will und seine Produkte «digitalisieren» möchte, muss um die Konsequenzen wissen, welche er bei IPv4 zu erwarten hat. Insbesondere den Umstand, dass potentielle Kunden, welche nur über IPv6 kommunizieren können, seine Dienste gar nicht in Anspruch nehmen können, weil sie mit ihren Kommunikationsmitteln nicht darauf zugreifen können. Ein Grossteil des Marktes ist sozusagen wie abgeschnitten – oder nur mit Limitationen von technischen Tricks wie NAT und Translation. Ein immer bedeutender Marktanteil, weil alle neuen disruptiven Dienste werden mit IPv6 kommunizieren.

Obwohl das Problem bei den Netzwerk-Spezialisten schon seit langem bekannt ist, haben noch viele Organisationen nicht einmal mit der Planung begonnen. Bis dann eine vollständige Umstellung auf IPv6 realisiert werden kann, gehen gemäss Erfahrung in der Regel mehrere Jahre ins Land. Schon auch deshalb, weil man Produktelebenszyklen ausnutzen möchte, um die Kosten noch weiter zu optimieren. Je grösser und komplexer das Unternehmen desto aufwendiger die Umstellung.

IPv6 Test

IPv6 Test

Aber auch viele etablierte Internet- und Cloud-Provider sind heute bei weitem noch nicht soweit und können ihren Kunden oft keine IPv6-Konnektivität anbieten. Denn diese kalkulieren auch knapp und investieren in der Regel erst dann, wenn eine kritische Masse an Kunden dies verlangen. Du kannst es leicht testen, ob die Website deiner Firma bereits auf IPv6 erreichbar ist: http://ipv6-test.com/validate.php

Insbesondere Anbieter von Cloud-Diensten sollten hier gegenüber ihren Kunden mit offene Karten spielen.  Selbst Amazon als Anbieter von AWS ist heute noch nicht soweit und hat die Umstellung unterschätzt. Aber selten sind sich die Kunden über diese Problematik bewusst. Lies dazu mal aus dem Discussion Forum von Amazon, wie man sich hier schwertut. IPv6 gehört in die Must-Kriterien einer jeden Cloud-Initiative – sonst ist die Sackgasse bereits vorprogrammiert. Letztlich liegt es aber an jedem aktiven Marktteilnehmer, seine Anforderungen klar zu definieren: es hat jeder den Provider, den er verdient – auch wenn dieser den Zugang verschläft.

IPv4 oder IPv6

IPv4 oder IPv6

Und wenn die Strategie des Unternehmens die digitale Transformation zum Ziel hat, dann sollte nicht bloss in die Goldgräberstimmungs-heischende Zukunft geguckt werden. Insbesondere müssen die internen Hausaufgaben angepackt und die Voraussetzungen für die digitale Zukunft geschaffen werden. Fragt einmal in euren Netzwerkteams über den Status von IPv6. Oder besucht eine der mittlerweile zahlreichen Foren zum Erfahrungsaustausch (http://www.swissipv6council.ch/de). Wenn Ihr Glück habt, ist das Projekt bereits auf der Top-Agenda des  CIOs. Wenn nicht, dann sorgt dafür, dass IPv6 nicht zum Stolperstein der digitalen Transformation wird.


 

 

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