SIAM – Vertrauen lässt sich nicht vertraglich regeln

Das Multiprovider-Management wird mehr und mehr zum Standardmodell in der Unternehmens-IT. Teils bewusst so gewollt, teils aber auch aus Zufall und schleichend, unbewusst in diese Situation geschlittert. Die meisten Unternehmen haben aus der ersten Outsourcing-Generation gelernt und wollen sich nicht mehr in die Fänge eines einzelnen Providers begeben. Diese in der Regel langjährigen Verträge machen Provider fett und impotent, um es nach den Worten von Winston Churchill zu sagen. Unternehmen wollen sich nicht mehr einfach so an einen einzigen Provider binden und insbesondere nicht mehr in eine direkte Abhängigkeit begeben.  Der technische Wandel, die anbahnende Digitalisierung und zunehmende Agilität verlangt nach Flexibilität und der Möglichkeit, aufkommende Konzepte mit neuen Anbietern auszuprobieren. Nicht zuletzt auch aufgrund der Entwicklung der Cloud, welche mittlerweile schon zum bevorzugten Betriebsmodell in Unternehmen geworden ist.

 

How to keep the driver seat

How to keep the driver seat

Anstelle eines grossen Vertrages hat man nun schnell 20, 30 oder 40 und noch mehr Verträge mit externen Partnern, welche Teile von businesskritischen Services zudienen. Nun, wird halt das Vertragsmanagement etwas aufwendiger, könnte man denken. Aber die Summe aller Leistungen dieser Teil-Service-Provider machen nicht die Qualität des beim Anwender erfahrenen Service aus. Es braucht einen weiteren Service, welcher vielerorts vollkommen unterschätzt wird. Der Service des Service Integrators. Die Herausforderung des Service Integrators liegt dabei aber nicht auf der technischen Integration, ob die verschiedenen Legobausteine unterschiedlicher Partner auch zusammenpassen. Vielmehr liegt es in der Integration des Managements der Teil-Leistungen und deren Teams zu einem übergeordneten Ganzen, eines End-To-End Service, welcher im Tagesgeschäft auf alle Eventualitäten gewappnet ist und welcher auch von den beteiligten Partnern in seiner Ganzheit gesehen wird.

Anforderungen werden anspruchsvoller

Anforderungen werden anspruchsvoller

Klassische Outsourcing-Spezialisten versuchen oft, Services in ein Tower-Modell aufzusplittern. Da gibt es Datacenter-Tower, WAN-Tower, LAN-Tower, Applikations-Towers und Arbeitsplatz-Tower. Jeder Tower kann von einem darauf spezialisierten Service Provider offeriert werden. Man versucht hier wieder einmal mehr, aus der IT internen Sicht die Technik aufzuspalten und so nach dem alten klassischen Sourcing-Modell die einzelnen Teile auszulagern. Letztlich gewonnen ist wenig, auch wenn man einen der Provider als «Lead Provider» zur Koordination von Incident-, Problem- oder Change-Tickets verdonnert. Die Unternehmen bleiben in der Zwangsjacke der Service Provider hängen: Es ist von vornherein klar ersichtlich, welcher Provider bei welchen Änderungen zum Zuge kommt. Das Tower-Modell zementiert die Architektur und die Lösung. Sie steht oder fällt mit den Fähigkeiten der im Modell manifestierten Sourcing Partner. Und wie sich Änderungen an Anforderungen auf die Verträge auswirken, ist längst bekannt.

Das Service Integration Betriebsmodell muss aus Sicht des Business und der Anwender ausgestaltet sein, damit ein echter Erfolg für das Unternehmen erzielt werden kann (Siehe auch mein Blog-Beitrag: Herausforderung agile Service Integration und Management (SIAM) in einem Multiprovider Umfeld). Um die Agilität des Unternehmens effizient zu unterstützen, braucht es eine IT-Organisation, welche passgenaue Lösungen beschaffen und integrieren kann. Es gibt zweifelsohne Anwendungsbereiche, wo die klassischen Tower ihre Berechtigung haben. Andererseits – und dies insbesondere in der aktuellen digitalen Transformation – reichen diese Lösungen bei weitem nicht mehr aus. Hier muss es möglich sein, neue Partner zu berücksichtigen und in ein hybrides Betriebsmodell zu integrieren.

Wie ein solches IT Betriebsmodell aussehen soll und welche Anforderungen ein Partner nicht bloss aus technischer, sondern insbesondere in der Zusammenarbeit mitbringen soll, muss die Basis eines Service Integration Konzepts darstellen. Es müssen Überlegungen gemacht werden, wie eine Zusammenarbeit funktionieren soll. Die Prozesse müssen nun cross-funktional ausgestaltet sein und die Transparenz unter den Beteiligten muss offen gestaltet sein. Die Bereitschaft, nicht bloss «seinen Vertrag» einzuhalten, sondern an gemeinsamen Service-Zielen mitzuwirken und sein «Skin in the Game» zu legen, muss ebenfalls ein Kriterium bei der Auswahl von Anbietern kritischer Serviceleistungen werden. Es braucht Service Provider, welche in einem übergeordneten Team zusammenarbeiten, nach Optimierungen des Gesamtservice suchen und gar bereit sind, vertraglich nicht verpflichtende Änderungen durchzuführen, nur damit es der Qualität des Gesamt-Services dienlich ist. Oder bereit ist, seinen eigenen Servicebeitrag sogar zu reduzieren und damit weniger Umsatz zu generieren, wenn es zur Effizienz des End-to-End Services beiträgt.

SIAM Komponenten

SIAM Komponenten

Das mag aus Sicht der externen Service Provider als «dumm» erscheinen, wozu er nie und nimmer bereit sein wird. Er wird aber lernen müssen, umzudenken. Letztlich verdient er nur sein Geld, wenn er dem Kunden zum echten Erfolg verhelfen kann. Es braucht ein Vertrauen auf beiden Seiten, die Ziele gemeinsam in einem Team erreichen zu wollen, welche alle von unterschiedlichen juristischen Einheiten und mit unterschiedlichen wirtschaftlichen Zielen herrühren. Ein Vertrauen, welches jeder Provider im Rahmen der Zusammenarbeit tagtäglich unter Beweis stellen muss und welche bei gemeinsamen Service-Review Workshops in Form von konstruktiver Mitwirkung ersichtlich wird. Es braucht auch ein Umdenken in Unternehmen, welchen diese Bereitschaft auch etwas Wert sein muss. Es braucht Anreizsysteme, welche das Erreichen von übergeordneten Zielen honoriert und Service-Reduzierungen bei Providern hilft mitzutragen, wenn dies im Sinne des Ganzen ist.

Eine erfolgreiche Service Integration reicht nicht aus, wenn jeder Beteiligte seinen Vertrag einzuhalten scheint. Es braucht eine gemeinsame Zusammenarbeitskultur. Diese Form von Zusammenarbeit lässt sich nicht in Verträge giessen. Man darf die Verträge und deren Überwachung auch nicht einfach dem Procurement überlassen. Eine Multiprovider Servicelandschaft ist eine anspruchsvolle Teamarbeit, welche von einem kompetenten Service Integrator orchestriert werden muss. Wenn ein neuer Service Provider gesucht wird, kann diesem Aspekt nicht genug Rechnung getragen werden. Daher verbleibt die Rolle des Service Integrators wohl eine der letzten Services, welche ein Unternehmen extern auslagern sollte. Und eine Chance, als interne IT nicht obsolet zu werden.


 

6 Comments
  • Peter Bergmann

    22. September 2017 at 13:24

    Hallo Martin,

    Service Integration und Multi Supplier Management sind beim idt unsere Kernschienen. Was gemerkt? „Provider“ kommt nicht vor.

    Warum?
    Bevor wir uns überhaupt in das Wagnis Multi X Management begeben, sollten wir klären, dass schon vor der Startlinie die ersten Fehler gemacht werden. Abgesehen davon, dass das Steuern von verschiedenen Dienstleistern und das Zusammenbringen von Einzel- bzw. Teilleistungen zu einer Leistungskette (Supply Chain … Operational Reference) nahezu älter als das gute alte ITIL sein dürfte, wundert es mich, dass IT-Organisationen in der Ausnutzung der Vorgaben noch immer so stümperhaft vorgehen.

    Einer der Kernfehler ist das fehlende Verständnis eines Geschäftsmodells. Service Brockerage in der IT ist als Arbeitsgrundlage nahezu unbekannt. Lass mich mal eine von uns im idt favorisierte Definition dieses Geschäftsmodells hier einfließen:

    Ein Service Broker ist ein…Anbieter, der im Auftrag seiner Kunden Services mit Mehr-werten anreichert und dafür sorgt, dass der Service-Nutzen die spezifischen Erwartungen der(s) Auftraggeber(s) erfüllt.
    Das Service Brokerage Modell in der IT liefert ein business- und architektonisches Betriebsmodell, mit dem Servicebeiträge bereitgestellt, verwaltet und adaptiert werden können. Es befindet sich innerhalb eines föderierten und konsistenten Bereitstellung-, Abrechnung-, Sicherheit-, Administration- und Support-Frameworks.
    Der Service Broker hilft bei der Integration und Aggregation (Assemblierung) von Einzelbeiträgen zur Absicherung der Service-Abrufbereitschaft. Im Gegensatz zu einem Service Provider ist ein Service Broker selbst kein Service-Erbringer.

    Da das kaum ein CIO kennt, arbeitet so auch kaum eine IT-Organisation. Ein weiterer Kardinalfehler stellt sich bei der Providerwahl ein. Richtig, jetzt spreche ich von einem oder mehreren Dienstleistern, die sich am Markt in irgendeiner Form als Service Provider präsentieren.

    Derzeit erlebe ich das in meiner Rolle als Interim IT-Leiter hautnah: Diese Anbieter reagieren auf Lastenhefte im Zusammenhang mit Ausschreibungen auf die Zusendung von Produktflyern und Standard-SLAs, sowie mit dem meist abschließenden Satz: wir einigen uns schon. Was der Auftraggeber will, welche Leistungsstandards er benötigt, ist den Anbietern zumeist egal.

    Überspringen wir die Verhandlungen und den Abschluss. Was passiert jetzt? Nach meiner Auffassung mutiert nach Vertragsunterzeichnung der Anbieter zum Lieferanten, also zum Supplier. Warum also reden wir immer davon, dass wir Anbieter „managen“ müssen? Ohne hinzunehmen, dass der Anbieter nun mein Lieferant ist, wie also das klassische Auftraggeber – Auftragnehmer Verhältnis haben. Warum lassen wir uns das Diktat der Externen gefallen?

    Ich halte nach meinen Erfahrungen und meiner festen Meinung nach SCOR und SIAM für zwei hervorragende Ansätze, sich als Service Broker zu etablieren. Nur es reicht nicht, sich an den Modellen entlang zu hangeln und zu hoffen, damit auf dem richtigen Weg zu sein. Aus dieser Fehlannahme aus der ITIL-Ära damals sollten wir alle gelernt haben.

    Zusätzlich zu den Prozess- und Organisationsempfehlungen muss ein radikaler Change her. Beginnend vom Geschäftsmodell sind alle unnötigen Operationseinheiten auszulagern, das Wertschöpfungskettenmodell und die eigene Positionierung darin klar festzulegen und vor allem nicht vor einem Personal Change zurückschrecken. Auch das sollte uns allen noch gut in Erinnerung sein: ein klasse DB-Administrator wird selten zu einem hervorragenden Service Integrator, Service Architekten oder Business Analysten. Drei von einigen neuen Berufsbildern in einer Service Brokerage Organisation.

    Wie du schon richtig schreibst Martin: Vertrauen ist keine Vertragsklausel. Das müssen sich Auftraggeber und Auftragnehmer gleichermaßen erarbeiten, vor allem deshalb, weil der Service Broker ja auch seine Leistungen weiter verkaufen muss, ansonsten Schatten-IT..ihr wisst schon. Und ohne neue Kompetenzen die einen Service Broker im Unternehmen Akzeptanz geben, läuft jede Service Integration gegen die Wand. Und zwar mit Ansage.

    Viel Erfolg
    Peter Bergmann

  • Martin Andenmatten

    22. September 2017 at 14:23

    Hallo Peter,

    danke für das Feedback und Deine/Eure Sicht auf das Service Brokerage.

    Service Broker kann man durchaus als Synonym für Service Integrator sehen. Ich bin aber der Meinung, dass die Service Integration (und ich meine jetzt nicht System-Integration) und die Integration des Managements über die verschiedenen Provider einen eigenen Service darstellt. Der Service Integrator soll nämlich End-to-End Verantwortung haben zur Sicherstellung der erwarteten Qualität. Und das ist neben dem Vertragswerk vor allem Tagesgeschäft (Major Incidents koordinieren über mehrere Provider, Changes Koordinieren, LifeCycle-Projekte koordinieren, etc.).

    Ich bin der Meinung, dass diese Rolle am Besten intern geleistet wird. Dazu braucht es ganz andere Skills, als die Techniker und Engineers haben, da gebe ich Dir recht. Die Transformation der Organisation gibt aber für die einen mit Potential auch Chancen, sich in solche Rollen entwickeln und ausbilden zu lassen. Der Engineer, welcher auch in Zukunft Datenbank administrieren und Netzwerke bauen will, wird dies besser beim endsprechenden Provider tun.

    Also Nomen ist Omen. Service Brokerage verstehe ich oft als Koordinator und Anbieter von vielen Service Providern in der Rolle als „Vermittler“ zwischen Kunden und Anbieter. Er steht aber nicht in der Verantwortung, dass die Services auch so geliefert werden (end-to-end). Der Service Integrator müsste dies sein – und braucht auch entsprechende Befugnisse, durchzugreifen, wenn es nicht funktionieren sollte. Als externer Service Integrator wird dies schon etwas schwieriger.

    Das Thema wird bestimmt noch eine weile beschäftigen.

    Lieber Gruss
    –Martin

  • Peter Bergmann

    27. September 2017 at 08:20

    Moin Martin,

    mit deiner Antwort beschäftige ich mich seit dem Lesen derselben. Du siehst, ich bin etwas unzufrieden.

    Mit deinem ersten Absatz gehe ich noch mit; Haken dran. Schon der erste Satz danach ruft Widerspruch hervor: Warum sollen Service-Integration nur Interne (am Besten) leisten können? Ja, du hast recht – interne Organisationen mit Potential können sich bewegen, sich verändern und einen guten Service-Broker (Integrator) abgeben. Aber…kennst du eine?

    Besonders schwer tue ich mich mit deiner Differenzierung zwischen Service Broker (im Sinne eines Koordinators) und einem Service Integrator. Du hattest ganz ob beide Begriff gleichgesetzt; jetzt aber siehst du Schwierigkeiten im gleichartigen Verständnis. Warum? Wo kommen die her?

    Nach meiner/unserer Lesart im idt lässt sich Service-Integration hervorragend auslagern und als Leistung von Profis beziehen. Ja, damit ist das Ende einer intern getriebenen IT…Service Organisation gekommen. Wer braucht im Unternehmen ein derartiges Kästchen im Org.-Chart? Wir meinen, dass „das Bessermachen von IT-Organisationen“ als gründlich gescheitert angesehen werden darf und von Initiativen zur Verbesserung der Versorgung mit IT-basierten Services abgelöst werden muss.

    3rd Plattform (two side market), Service Brockerage und ähnliche Elemente des Geschäftsmodells des Service Providings beherrschen Interne schlecht bis gar nicht. Also sollten auch wir Anbieter von Ideen uns darauf konzentrieren, den Auftraggebern (Unternehmenslenkern) mehr Effektivität in diesem Bereich zu liefern, statt nur auf Effizienzeffekte zu hoffen. Das tun wir alle schon viel zu lange.

    Beste Grüße
    Peter.

  • Martin Andenmatten

    28. September 2017 at 04:51

    Hallo Peter,

    der Begriff „Broker“ ist aufgrund meinem Bank-Informatik-Hintergrund primär ein „Vermittler“, ein „Makler“, ein „Zwischenhändler“. Darum assoziiere ich – und viele andere auch – den Begriff „Service Broker“ mit einem Makler, der auf seinem Bauchladen eine Reihe von Service Providern hat und diese vermittelt. Dann ist sein Job erledigt.

    Ein Service Integrator trägt die Verantwortung, die „Accountability“, dass der durch verschiedene Service Provider beigetragenen „Teil-Services“ als Ganzes, end-to-end funktioniert. Du kennst den Wassermelonen-Effekt? Alles sieht grün aus – jeder Service Provider meldet Status grün. Aber drinnen ist es tief rot – die Kiste funktioniert nicht. Wer springt dem jetzt nach und wer trägt die Verantwortung dass es letztlich gemäss den Erwartungen des Business entspricht.

    Wenn Du oder idt dem „Service Broker“ diese Capability zugestehst, dann können die beiden Begriffe aus meiner Sicht synonym verstanden werden.

    Und warum soll das ein Interner nicht besser können als ein Externer? Wir sind uns wohl einig, dass es für diese Funktion des Service Integrators andere Fähigkeiten braucht, als die des Netzwerk-Spezialisten oder sonst wie technischen Experten. Ein Externer kann sich sehr wohl darauf spezialisieren – er hat aber nie gleich viel „Skin in the Game“. Er hat eine andere Agenda und arbeitet für sein Unternehmen – und nicht für das des Kunden. Ein Interner hat von Hause aus die Accountability – welche er nie ganz extern auslagern kann. Der Service Integrator muss auch unabhängig und neutral von einzelnen Service Providern sein – und muss sich über alle anderen beteiligten Service Provider durchsetzen können. Diese Kompetenzen muss er haben – und für den Erfolg/Misserfolg des Gesamtsystems und damit auch das Versagen einzelner Service Provider gerade stehen können.

    Es gibt nicht viele externe Service Provider, welche den Service „Service Integrator“ als losgelösten Service anbieten. Kennst Du welche? Es ist immer einer, der das noch dazu anbietet – und gleichzeitig einen Teil des Services mitliefert. Und die Verantwortung für Leistungen anderer ist er auch nicht bereit zu tragen, wenn die Verträge nicht über ihn laufen.

    Ich wünsche es mir für interne IT Organisationen, welche derzeit in grossen Transformations-Programmen stecken, dass sie ihre Rolle als Nahtstelle, Brückenbauer oder eben Service Integrator wahrnehmen können und das Multiprovider-Management beherrschen. Und ja, da kenne ich mittlerweile einige, die auf diesem Wege sind. Natürlich ist das eine Entwicklung, welche Organisationen durchmachen müssen – und es verlangt eine hohe Maturität, Management Kompetenz, Verhandlungsgeschick, Durchsetzungsvermögen und trotz allem ein gutes Verständnis über das Machbare.

    Dort wo diese Fähigkeiten oder die Zeit zum Aufbau nicht vorhanden ist, kann ein externer Service Integrator (SIAM-Provider) Sinn machen. Ich bin derzeit in einem Projekt, da haben wir die Rolle aufgeteilt. Die interne Organistaion übernimmt die strategischen und taktischen Themen (BRM, SLM, Supplier Mgmt, Service Improvement, Info-Sec-Mgmt) und der externe Provider übernimmt die operative Service Integration (Supplier Coordination, Incident- / Major-Incident, Problem Mgmt, Change, Monitoring und Service Reporting). Es kann durchaus sein, dass zu einem späteren Zeitpunkt, der Kunde die operativen SIAM-Leistungen wieder selbst übernimmt. Und das ist ihre Perspektive.

    Hoffe damit etwas mein Verständnis rübergebracht zu haben.

    Liebe Grüsse aus dem hebstlichen Zürich
    –Martin

  • Peter Bergmann

    6. Oktober 2017 at 10:43

    Hallo Martin,

    vielen Dank für deine Antwort. Einige Gedanken bleiben:

    Jenseits altbekannter Zuordnungen von Begriffen und Definitionen und zur Vermeidung von ermüdender Begriffsdiskussionen, möchte ich die Rolle künftiger IT-Organisationen exakt so einordnen: Als „Broker“ vermitteln sie zwischen Fachbereichen und IT-Dienstleistern (intern/extern); im externen Kontext als Zwischenhändler.

    IT-Organisationen taten sich damals schon in der Hochphase des Service Managements schwer, zum etablierten und akzeptierten IT-Dienstleister zu erwachsen; unter Ignoranz von Prozess- und Organisationserfordernissen und unter strikter Beibehaltung des Geschäftsmodells „IT-Betrieb“. Genau deshalb beschäftigen wir uns mit dem Daseinszweck von IT-Organisation in Unternehmen und den Fähigkeiten (Capabilities), eine Service Provider (Dienstleister) oder gar eine Service Broker (Vermittler, Makler) Rolle anzunehmen.

    Dein Wassermelonen-Beispiel greift hervorragend und ist dabei horn-alt. Weil IT-Organisationen bislang Schwierigkeiten haben, in die Liefer-Verantwortung von „end-to-end“-Leistungen einzutreten, werden diese in den Unternehmen samt dem Report-„Gedöns“ nicht ernst genommen. Weiters beobachten wir, dass sie genau deshalb wieder mehr in die Betriebsrolle zurückgedrängt werden und ihnen nur das Mandat zugestanden wird, ihre „eigenen“ Infrastruktur-Dienstleister selbst auszusuchen.

    Du kennst es? Das IT-Budget wandert zum Kunden. Dieser Trend kann nicht gut sein, denn jeder Fachbereich schafft sich egoistischer-Weise seine eigene IT-Insel und ruft nur im Zweifel und Problemfall nach der IT.

    Du fragst: Und warum soll das ein Interner nicht besser können als ein Externer? Meine Antwort: Weil die auf Service Providing bzw. Service Brokerage spezialisiert sind, die Fähigkeiten besitzen, dieses Geschäft professionell zu gestalten. Damit sind wir bei der Idee, dass die Verantwortung für die gesamte Leistungserbringung sehr wohl nach außen vergeben werden kann. Denn es ergibt keinen Sinn, die Fachbereiche (wahrscheinlich) unkoordiniert machen lassen und die eigene IT nur als Infrastruktureinheit wahrzunehmen.

    Deine These: Ein Interner hat von Hause aus die Accountability – welche er nie ganz extern auslagern kann. Ein guter Service Broker kennt den Markt, kann sachlich nüchtern mit Anforderungen seitens der Fachbereiche umgehen. Das kann der in aller Regel besser als Interne, die eine Nähe zum „Business“ haben und eben nicht mehr den Welpenschutz aus der C/S-Ära besitzen. Genauso wie der Stromlieferant, der zu liefern hat, muss ein externer Service Broker verlässlich sein. Bei fehlendem Strom und/oder keine nutzbaren IT-Leistungen stehen das Unternehmen bzw. einzelne Bereiche oder Prozesse. Kaum ein Unternehmen ist sein eigener Stromproduzent.

    Deinem Beitrag entnehme ich, dass IT-Organisationen derzeit in großen Transformationsprogrammen stecken; das kann ich bestätigen. Selbst mit meinem Team seit einigen Jahren in einem Programm eines Konzerns engagiert, muss ich konstatieren, dass nicht nur die Klarheit über die Zielbebauung abgeht, sondern sogar der Sockel und die Säulen der „transformierten Organisation“ nicht benannt werden können. Stattdessen werden alte ITSM-Muster herangezogen, die sich bei der digitalen Transformation als zunehmend untauglich erweisen.

    Ich muss dir (leider, lieber Martin) etwas widersprechen: IT-Organisationen, so wie sie heute vielfach anzutreffen sind, werden niemals erfolgreiche Brückenbauer zwischen Fachbereichen und Dienstleistern werden. Zu wenig Profession, falsche Inspiration und das Verwalten alter Besitzstände bringen eben nicht mehr Kompetenzen, Geschick und Reife. Das fehlt‘s an Vielem. Irgendwo ist das enorm schade, denn ich bin seit vielen Jahren in internen IT-Organisationen verankert (gerade in einem mehrjährigen Interim Mandat als IT-Leiter) und leidenschaftlicher Verfechter professioneller IT-Arbeit.

    Daher sehe ich durchaus seitenverkehrt deine Erfahrungen aus dem laufenden Projekt bei dir. Der Externe kann sich ganz sicher eher im strategisch-taktischen Umfeld schnell positionieren und operative Aufgaben noch vorhandenen internen Operatings anvertrauen. Wobei, jetzt sind wir wieder bei „Plan“, „Build“, „Run“ was auch schon längst überholt ist.

    Ich bin durchaus gespannt, welche Richtung die Entwicklung nehmen wird. Aber schon und gerade wegen der Plattformausrichtung wird die Industrialisierung in der IT noch mehr Dynamik entfalten müssen als bisher. Wir sind in der Ära der „3rd Platform“ und brauchen für die künftige Arbeitsorganisation Antworten dafür. Nach unserer und meiner Auffassung helfen uns Ansätze aus dem dezentralen Zeitalter der Informationsverarbeitung nur bedingt weiter (was übrigens keine Kritik an deinen Aussagen sein soll).

    Beste Grüße aus München
    Peter

  • Martin Andenmatten

    6. Oktober 2017 at 15:31

    Hallo Peter

    ja – da scheint einiges an Ernüchterungen bei internen IT-Organisationen bei Dir aufgelaufen zu sein. Ich kenne beides – gute interne IT-Organisationen und auch schlechte Service Provider. Letztlich arbeiten überall Menschen dort – und das ist das Spannende. Grundsätzlich ist meine Erfahrung, dass alle einen guten und professionellen Job machen wollen. Auch die internen IT-Organisationen. Wenn der Wille vorhanden und die Notwendigkeit erkannt ist, dann finde ich in der Regel auch fruchtbaren Boden.

    Ich habe viele mittlere und grosse Service Provider von innen sehen und analysieren dürfen. Ich kann Dir nur eines sagen: die kochen auch nur mit Wasser. Aber ja, vielleicht verkaufen sie sich besser.

    Liebe Grüsse
    –Martin

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