COBIT 7 – die fällige Frameworkanpassung

AI, Digital Trust und eine wachsende Zahl regulatorischer Anforderungen verändern die Enterprise Governance of Information & Technology. Was heisst das für die nächste Generation von COBIT?

ISACA hat COBIT 7 angekündigt; als Launchtermin wird der 27. Oktober 2026 genannt. Inhaltlich ist bislang wenig offiziell: bestätigt sind eine stärker digitale Bereitstellung und ein flexibles, anpassbares Assessment-Modul. Mehr nicht. ISACA – Celebrating Three Decades of COBIT

Dass eine Überarbeitung ansteht, halte ich für überfällig. Seit COBIT 2019 haben sich die Rahmenbedingungen für die Governance von Information und Technologie spürbar verschoben – durch Artificial Intelligence, Digital Trust, Cyber Resilience, Cloud und eine Regulierungsdichte, die 2019 so nicht absehbar war. Ein Enterprise-Governance-Framework muss das aufnehmen. Nicht zwingend mit neuen Strukturen, sondern indem es Unternehmen hilft, neue Technologien und die damit verbundenen Risiken in ein bestehendes, integriertes Governance-System einzubetten. Dieser Frage gehe ich im Folgenden mit einigen Thesen nach – wohlwissend, dass ich mich damit aus dem Fenster lehne.

1. COBIT 2019 trifft auf eine andere Welt

COBIT 2019 ist nicht falsch geworden. Die Governance-Fragen sind dieselben geblieben: Welchen Nutzen erwarten wir von Information und Technologie? Wer trägt die Verantwortung? Welche Risiken nehmen wir bewusst in Kauf? Woran messen wir Zielerreichung – und woher wissen wir, dass Governance tatsächlich wirkt?

Verändert hat sich das Umfeld, in dem diese Fragen beantwortet werden müssen.

Cloud, Cybersecurity und Data Governance haben sich weiterentwickelt, das war zu erwarten. Der eigentliche Bruch liegt woanders: Artificial Intelligence hat in kurzer Zeit den Sprung von einer Spezialtechnologie zu einer strategischen Unternehmensfähigkeit gemacht. Parallel dazu steigt der regulatorische Druck, und mit Digital Trust tritt eine Dimension hinzu, die über Sicherheit, Compliance und Wirtschaftlichkeit hinausreicht. Unternehmen müssen Kunden, Mitarbeitenden, Partnern, Aufsichtsbehörden und dem Verwaltungsrat glaubhaft machen, dass sie Technologie verantwortungsvoll einsetzen – nicht nur behaupten.

Damit wächst der Katalog: ISO/IEC 27001, ISO/IEC 42001, NIST AI RMF, DORA, NIS2. Jede dieser Vorgaben adressiert einen berechtigten Ausschnitt der neuen Realität. Das Problem der Unternehmen ist längst nicht mehr, ein weiteres Framework einzuführen. Es besteht darin, die verschiedenen Anforderungen in ein konsistentes Governance-System zu überführen.

Genau das ist die Aufgabe, an der sich COBIT 7 messen lassen muss. COBIT soll kein spezialisiertes Framework ersetzen. Seine Stärke war immer, die übergeordneten Governance-Fragen zu stellen und unterschiedliche Anforderungen zueinander in Beziehung zu setzen. Mark Thomas nennt es treffend ein «Framework to manage Frameworks». ISACA – The Framework to Manage Frameworks: COBIT and the Governance Gap

These 1: Die fällige Anpassung besteht nicht in einem weiteren Governance-Framework. COBIT muss seine Rolle als integrierende Schicht schärfen – als Klammer zwischen Unternehmenszielen, Technologie, Risiken, regulatorischen Vorgaben und den spezialisierten Standards, die darunter arbeiten.

AI und Digital Trust machen diese Aufgabe dringlich. Insofern kommt COBIT 7 zur richtigen Zeit.

2. Das Governance Gap: nicht zu wenig Governance, sondern zu viel Fragmentierung

Jede neue Technologie, jede neue Regulierung bringt eigene Vorgaben, Controls, Rollen und Assessments mit sich. AI Governance ist das aktuelle Beispiel: Zu den bestehenden Anforderungen aus Cybersecurity, Risk, Compliance, Data und Privacy treten ISO/IEC 42001, der NIST AI RMF und die AI-Regulierung hinzu.

Die Frameworks sind nicht das Problem. Sie adressieren reale, spezifische Risiken. Schwierig wird es dort, wo ein Unternehmen jedes dieser Themen als eigenständiges Governance-System betreibt – mit eigenem Gremium, eigener Policy-Hierarchie, eigenem Risikoregister.

Thomas beschreibt dieses Muster als «Governance Gap»: Für einzelne Anforderungen existieren Policies, Controls und Zuständigkeiten, aber die Verbindung zu einem übergeordneten Governance-System fehlt. Wer in einem grösseren Unternehmen einmal versucht hat, für ein einzelnes Risiko den tatsächlich accountable Owner zu finden, kennt das Phänomen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht «Welches zusätzliche Framework brauchen wir?», sondern: Wie bringen wir die vorhandenen Frameworks und Anforderungen in ein gemeinsames Governance-System?

Hier spielt COBIT seine Stärke aus. Als übergeordnete Governance-Schicht verbindet es Enterprise-Ziele mit Verantwortlichkeiten, Risiken, Ressourcen, Controls, Performance und Assurance. Die spezialisierten Standards erfüllen darunter ihre jeweilige Aufgabe – ohne dass daraus separate Welten entstehen.

Für AI Governance bedeutet das eine Verschiebung der Perspektive. Ein Unternehmen braucht nicht zwingend ein eigenes Governance-Modell für AI, eines für Cybersecurity, eines für Cloud, eines für Data und ein weiteres für Digital Trust. Es braucht die Fähigkeit, diese Domänen miteinander zu verbinden.

These 2: Die grösste Governance-Herausforderung ist nicht der Mangel an Frameworks, sondern deren Fragmentierung. COBIT 7 sollte seine Rolle als «Framework to manage Frameworks» ausbauen und Unternehmen helfen, spezialisierte Standards, Regulierung und Governance-Domänen in ein gemeinsames Enterprise Governance System zu integrieren.

Bei AI wird diese Integrationsfähigkeit zum Prüfstein. AI berührt Strategie, Value, Risk, Security, Data, Compliance, Ethics und Assurance gleichzeitig. Wer für jedes dieser Felder eine eigene Governance-Struktur aufbaut, schliesst das Governance Gap nicht. Er vergrössert es.

3. AI Governance ist keine neue Governance-Insel

Kaum ein Thema macht den Bedarf an integrierter Governance so sichtbar wie AI. Unternehmen verabschieden AI Policies, richten AI Boards ein, führen neue Risiko- und Freigabeprozesse ein und orientieren sich an ISO/IEC 42001 oder dem NIST AI RMF. Nachvollziehbar – und zugleich der Moment, in dem die nächste Governance-Insel entsteht.

Denn die Fragen sind bei AI nicht neu: Welchen Nutzen wollen wir erzielen? Wer trägt die Verantwortung? Welche Risiken akzeptieren wir, welche Leitplanken gelten? Wie messen wir Performance, und woher nehmen wir die Assurance, dass AI verantwortungsvoll eingesetzt wird?

ISACA hat im Whitepaper Leveraging COBIT for Effective AI System Governance gezeigt, dass sich die bestehende COBIT-Logik unmittelbar auf AI anwenden lässt. Accountability, Risk, Compliance, Monitoring, kontinuierliche Verbesserung – all das lässt sich in das vorhandene Enterprise Governance System einordnen, ohne es neu zu erfinden. ISACA – Leveraging COBIT for Effective AI System Governance

Für COBIT 7 stellt sich damit eine Grundsatzfrage: Muss AI Governance als etwas grundsätzlich Neues behandelt werden – oder muss COBIT vielmehr sicherstellen, dass AI konsequent Bestandteil der bestehenden Enterprise Governance wird?

Vieles spricht für Letzteres. AI ist kein Technologiethema. Sie greift in Strategie, Geschäftsmodelle, Prozesse, Entscheidungen, Daten, Security, Compliance und in die Arbeit der Mitarbeitenden ein – und am Ende in das Vertrauen der Stakeholder. Das ist der klassische Gegenstand der Enterprise Governance of Information & Technology.

These 3: AI Governance sollte keine zusätzliche Insel bilden. Die Aufgabe ist, AI in das bestehende Enterprise Governance System zu integrieren – mit klarer Accountability, Value-Orientierung, Risk Management, Performance Measurement und Assurance.

Praktisch heisst das: Ein AI Governance Board allein bewirkt wenig. Wirksam wird AI Governance erst, wenn AI-Entscheidungen an bestehende Entscheidungsrechte, den Risk Appetite, die Investment Governance, Data Governance, Cybersecurity, Compliance und Assurance angebunden sind. Vielleicht ist das die wichtigste Leistung, die COBIT 7 erbringen kann: nicht ein separates AI-Governance-Modell zu liefern, sondern zu zeigen, wie Governance in einem AI-getriebenen Unternehmen integriert funktioniert.

4. Digital Trust wird zum Governance Outcome

Mit wachsender Abhängigkeit von digitalen Technologien verschiebt sich, woran gute Governance gemessen wird. Compliance, Security und Risikomanagement genügen nicht mehr. Unternehmen müssen Vertrauen schaffen, dass sie Technologie zuverlässig, sicher, transparent und verantwortungsvoll einsetzen.

ISACA adressiert das mit dem Digital Trust Ecosystem Framework (DTEF). Digital Trust wird darin nicht als Security- oder Compliance-Thema verstanden, sondern als organisationsweite Aufgabe mit sechs verbundenen Bereichen: Culture, Emergence, Human Factors, Direct and Monitor, Architecture sowie Enabling and Support.

Interessant ist der Bezug zur Governance. Das DTEF soll dem Board die Sicherheit geben, dass zentrale Digital-Trust-Prinzipien umgesetzt sind und mit KPIs und KRIs unterlegt werden. Damit reicht Digital Trust über die Einhaltung von Vorgaben hinaus:

  • Compliance fragt: Erfüllen wir unsere Anforderungen?
  • Risk Management fragt: Bleiben die Risiken innerhalb der Toleranz?
  • Digital Trust fragt weiter: Können unsere Stakeholder darauf vertrauen, dass wir Information und Technologie verantwortungsvoll einsetzen?

Für COBIT ist das eine naheliegende Verbindung. EGIT soll sicherstellen, dass aus Information und Technologie Value entsteht, Risiken beherrscht und Ressourcen verantwortungsvoll eingesetzt werden. Digital Trust liesse sich als Ergebnis genau dieser Steuerung verstehen.

Bei AI wird das konkret. Ein AI-System kann technisch funktionieren und regulatorisch sauber sein – und trotzdem das Vertrauen der Stakeholder verspielen: durch fehlende Transparenz, unklare Verantwortung, fragwürdige Datenverwendung oder Entscheidungen, die niemand mehr nachvollziehen kann. Governance muss deshalb die Voraussetzungen für Vertrauen mitliefern.

These 4: Digital Trust ist kein weiteres Governance-Silo, sondern ein messbares Outcome guter Enterprise Governance. COBIT liefert die Strukturen; das DTEF erweitert den Blick darauf, wie Vertrauen in einer digitalen Organisation systematisch entsteht und erhalten bleibt.

Ob und wie ISACA COBIT 7 und DTEF tatsächlich verzahnt, ist offen. Fachlich wäre es konsequent: COBIT beantwortet, wie Information und Technologie gesteuert werden. Digital Trust fragt, ob die Stakeholder dieser Steuerung und ihren Ergebnissen vertrauen können.

Daraus folgt eine Verschiebung des Anspruchs. Governance zu definieren reicht nicht mehr; sie muss demonstrierbar sein.

5. Von dokumentierter zu demonstrierbarer Governance

Die meisten Unternehmen verfügen heute über ausgebaute Governance-Strukturen: Policies, dokumentierte Controls, zugewiesene Verantwortlichkeiten, regelmässige Assessments. Und trotzdem bleibt eine Frage regelmässig unbeantwortet: Können wir nachweisen, dass unsere Governance funktioniert?

Eine Policy belegt, dass eine Regel existiert. Ein Control beschreibt, wie sie umgesetzt werden soll. Beides sagt nichts darüber aus, ob der Control ausgeführt wird, wer dafür geradesteht, welches Ergebnis er erzeugt und welche Evidenz darüber vorliegt. Der Unterschied zwischen dokumentierter und demonstrierbarer Governance liegt genau in dieser Lücke – und jeder Auditor kennt sie.

Policy → Control → Accountability → Execution → Evidence → Measurement → Assurance

Bei AI zeigt sich das schnell. In einer AI Policy festzuhalten, dass Modelle vor dem Einsatz auf bestimmte Risiken geprüft werden, ist der einfache Teil. Governance muss belegen können, welche Systeme betroffen sind, wer geprüft hat, nach welchen Kriterien entschieden wurde, welche Risiken akzeptiert wurden – und ob die Vorgaben im laufenden Betrieb noch eingehalten werden, wenn der Provider das Modell längst ausgetauscht hat.

Das verändert die Rolle eines Governance-Frameworks. COBIT hat Governance-Ziele schon immer mit Verantwortlichkeiten, Practices, Informationen, Messgrössen und Assurance verknüpft. In einem regulierten, digitalisierten Umfeld rückt diese Eigenschaft ins Zentrum: Aus einem primär dokumentierten Governance-Modell wird ein kontinuierlich messbares System.

These 5: Die nächste Generation der Enterprise Governance muss den Schritt von dokumentierter zu demonstrierbarer Governance stützen. Nicht die Existenz einer Policy oder eines Controls zählt, sondern der nachvollziehbare Nachweis ihrer Wirksamkeit.

Vor diesem Hintergrund sind die Hinweise auf ein digitaleres, assessment-orientiertes COBIT bemerkenswert. Wie weit das geht, wissen wir nicht. Konsequent wäre es: Ein digitales Framework kann Governance-Ziele, Controls, Assessments, Verantwortlichkeiten, Messgrössen und Evidenzen enger koppeln, als es ein Dokument je könnte. Aus einem Framework, das beschreibt, was gute Governance ausmacht, würde ein Instrument, mit dem Organisationen zeigen, wie gut ihre Governance tatsächlich arbeitet.

Governance dokumentieren → umsetzen → messen → nachweisen

6. Ein Digital-first COBIT ist mehr als ein neues Publikationsformat

COBIT ist historisch ein Publikationsframework: Framework, Objectives, Design Guide, Implementation Guide. In einem Umfeld, in dem sich Technologien, Risiken und Regulierung im Jahrestakt ändern, stellt sich die Frage, ob ein Governance-Framework noch primär als Dokument funktionieren kann.

Die angekündigte Digital-first-Ausrichtung ist deshalb interessant – allerdings nicht wegen des Wechsels von PDF zu Plattform. Das wäre ein Medienwechsel, mehr nicht. Der Mehrwert entstünde, wenn das digitale Framework zum Instrument für die operative Anwendung von Governance wird:

Framework → Assessment → Gap → Priorität → Massnahme → Evidence → Measurement → Assurance

COBIT würde dann nicht nur beschreiben, welche Governance- und Management-Practices relevant sind. Unternehmen könnten ihren eigenen Governance-Kontext abbilden, Reife- oder Leistungsstand beurteilen, Handlungsfelder priorisieren und die Umsetzung nachverfolgen.

Angesichts der Zahl parallel zu bedienender Vorgaben ist das kein Luxus. Wer COBIT, ISO/IEC 27001, ISO/IEC 42001, NIST AI RMF, DORA, NIS2 und das DTEF jeweils separat operationalisiert, produziert redundante Controls, doppelte Assessments und Nachweise, die sich gegenseitig widersprechen können. Ein digitaler Governance-Ansatz erlaubt eine andere Logik: Nicht jedes Framework erzeugt seine eigene Welt; die Anforderungen werden auf ein gemeinsames Governance- und Control-System abgebildet. Womit wir wieder beim «Framework to manage Frameworks» wären.

These 6: Digital-first darf nicht heissen, COBIT lediglich digital zu publizieren. Die Chance liegt darin, COBIT von einem konsumierten Framework zu einer operativ nutzbaren Governance-Schicht weiterzuentwickeln – von der Anforderung über Assessment und Umsetzung bis zu Messung, Evidenz und Assurance.

Das setzt die demonstrierbare Governance aus dem vorigen Abschnitt konsequent fort: Governance wäre nicht mehr nur periodisch Gegenstand eines Assessments, sondern liesse sich laufend beobachten und steuern. Langfristig deutet sich damit an, dass Governance-Frameworks und GRC-Plattformen zusammenwachsen. Die Frage ist dann nicht mehr, ob ein Unternehmen COBIT, ISO/IEC 42001 oder den NIST AI RMF anwendet – sondern wie diese Anforderungen im Alltag zusammengeführt, Verantwortlichkeiten gesteuert, Controls überwacht und Wirksamkeit belegt werden. Das Framework definiert die Governance. Die operative Schicht macht sie wirksam und nachweisbar.

7. Die Zukunft gehört einer integrierten Governance-Architektur

Mit der Digitalisierung ist nicht nur die Zahl der Technologien gewachsen, sondern die der Governance-Domänen: Technology Governance, Cybersecurity Governance, Data Governance, Cloud Governance, AI Governance, Privacy, Risk & Compliance, Digital Resilience, Digital Trust. Jede Disziplin ist berechtigt. Problematisch wird es, wenn daraus getrennte Strukturen entstehen – unterschiedliche Committees, Policies, Risk Assessments, Controls, KPIs, KRIs und Reportinglinien. Im ungünstigsten Fall bewerten mehrere Funktionen dasselbe Risiko mit verschiedenen Methoden und verlangen für vergleichbare Controls unterschiedliche Nachweise. Das Ergebnis ist nicht mehr Governance, sondern Governance-Komplexität.

Die Diskussion um COBIT 7 sollte deshalb nicht bei Einzelthemen wie AI oder Digital Trust stehen bleiben. Die wichtigere Frage: Wie entsteht eine gemeinsame Governance-Architektur, in der diese Themen zusammenlaufen? Vereinfacht:

Enterprise Objectives → Governance Objectives → Decision Rights & Accountability → Policies & Controls → Processes & Practices → Metrics, KPIs & KRIs → Evidence & Assurance

AI, Cybersecurity, Cloud, Data oder Digital Trust wären darin keine eigenständigen Systeme, sondern Domänen innerhalb derselben Architektur. Gerade das DTEF illustriert, wie breit dieser Kontext geworden ist – seine sechs Domains reichen von Führung und Kultur über neue Technologien und menschliche Faktoren bis zu Architektur und operativer Befähigung. Digital Trust lässt sich so wenig an eine einzelne Funktion delegieren wie AI Governance.

These 7: Die Zukunft gehört nicht einer Vielzahl paralleler Governance-Systeme, sondern einer integrierten Governance-Architektur. COBIT sollte die gemeinsame Struktur liefern, in der AI, Cybersecurity, Cloud, Data, Risk, Compliance und Digital Trust verbunden werden.

Damit gewinnt ein Begriff an Gewicht, den COBIT bisher nur am Rand behandelt: das Governance Operating Model. Ein Framework beschreibt Prinzipien, Objectives und Practices. Ein Operating Model beantwortet, wie Governance im Unternehmen tatsächlich abläuft – wer entscheidet, wer accountable ist, welche Gremien es braucht, wie Risiken eskaliert werden, welche Informationen das Board benötigt, wie Controls überwacht und Assurance erzeugt wird. Hier könnten sich COBIT und Target Operating Models deutlich stärker ergänzen als heute. Die Aufgabe ist nicht, für AI das nächste Committee oder für Digital Trust die nächste Policy zu schaffen, sondern bestehende und neue Anforderungen in ein gemeinsames Operating Model zu integrieren. Ein Unternehmen sollte nicht fünf verschiedene Antworten auf die Frage haben, wer für Technologie verantwortlich ist.

8. COBIT als Orchestrator – nicht als Ersatz anderer Frameworks

Je mehr Anforderungen anfallen, desto verlockender wird die Suche nach dem einen Framework, das alles abdeckt. Genau das sollte COBIT 7 nicht anstreben.

COBIT muss weder ISO/IEC 27001 für Informationssicherheit noch ISO/IEC 42001 für AI Management, den NIST AI RMF oder Regulierungen wie DORA und NIS2 ersetzen. Auch das DTEF hat seinen eigenen Fokus. COBITs Ebene ist eine andere: Enterprise Governance of Information & Technology. Von dort aus stellt es die Verbindung zwischen den strategischen Zielen des Unternehmens und den spezialisierten Frameworks her. Während diese die konkreten Anforderungen für ihr Gebiet definieren, stellt COBIT die übergeordneten Fragen: Warum ist eine Anforderung für uns relevant? Wer ist accountable? Welche Enterprise- und Governance-Ziele stützt sie? Welche Risiken adressiert sie, welche Controls brauchen wir, wie messen wir deren Wirksamkeit, und woher kommt die Assurance?

Praktisch könnte ein Unternehmen Anforderungen aus COBIT, ISO/IEC 27001, ISO/IEC 42001, NIST AI RMF, DORA, NIS2 und DTEF auf ein gemeinsames Governance- und Control-System abbilden. Ein Control wird dann nicht für jedes Framework neu erfunden, implementiert und geprüft; sichtbar wird stattdessen, welche Capability oder welcher Control mehrere Anforderungen gleichzeitig bedient. Statt

Framework → eigene Controls → eigenes Assessment → eigenes Reporting

gilt:

Enterprise Objectives → Governance System → gemeinsame Capabilities & Controls → Mapping der Frameworks → Evidence → Assurance

Für AI Governance halte ich das für entscheidend. AI berührt Security, Privacy, Data, Risk, Compliance, Ethics, Resilience und Business Value zugleich. Separat umgesetzt, treibt jede dieser Anforderungen die Komplexität weiter. Über eine gemeinsame Architektur orchestriert, werden Überschneidungen sichtbar und Verantwortlichkeiten eindeutig.

These 8: COBIT 7 sollte andere Frameworks nicht ersetzen, sondern orchestrieren – als übergeordnete Governance-Schicht, die Standards, Regulierung und Best Practices mit den Enterprise Objectives verbindet.

Das wäre zugleich die angemessene Antwort auf die regulatorische Verdichtung. Unternehmen brauchen nicht mehr Controls. Sie brauchen Transparenz darüber, welche Anforderungen bestehen, welche Controls sie erfüllen, wer dafür verantwortlich ist und wie deren Wirksamkeit belegt wird.

  • Integrated Governance statt Silos.
  • Common Controls statt Redundanz.
  • Evidence statt Dokumentation.
  • Assurance statt Annahmen.
  • Orchestration statt Framework-Konkurrenz.

Ob COBIT 7 diese Rolle so übernimmt, wissen wir nicht. Warum sie für ein modernes Enterprise-Governance-Framework wichtiger wird, zeigen AI, Digital Trust und Regulierung schon heute.

9. Was wir von COBIT 7 erwarten können – und was wir noch nicht wissen

Die bisherigen Thesen beschreiben, wohin sich Enterprise Governance aus meiner Sicht bewegen muss. Sie beschreiben nicht, wie COBIT 7 aussehen wird. Diese Unterscheidung ist wichtig.

Zum Zeitpunkt dieses Beitrags sind die inhaltlichen Änderungen nicht veröffentlicht. Es wäre verfrüht, neue Governance Objectives, veränderte Design Factors, andere Capability Levels oder Eingriffe in das Core Model abzuleiten. Beobachten lässt sich lediglich die Richtung, in die sich das Umfeld bewegt – und die ist deutlich.

ISACA arbeitet intensiv an der Governance von AI und zeigt bereits, wie COBIT auf AI-Systeme angewendet werden kann. ISACA – Leveraging COBIT for Effective AI System Governance Mit dem DTEF erweitert ISACA die Perspektive auf Vertrauen in digitale Ökosysteme – über Technologie und Security hinaus auf Kultur, menschliche Faktoren, Emerging Technology, Architektur und die Steuerung digitaler Fähigkeiten. ISACA – Digital Trust Und Mark Thomas benennt mit dem Governance Gap ein Problem, das viele Unternehmen kennen: immer mehr Frameworks, Standards, Policies und Controls, ohne dass daraus ein integriertes System entsteht. ISACA – The Framework to Manage Frameworks

Daraus lassen sich Erwartungen formulieren. Erwartungen sind keine Features. Ob und wie sich Governance and Management Objectives, Goals Cascade, Design Factors, Performance Management oder die Components of the Governance System ändern, ist offen. Eine Integration des DTEF oder AI-spezifischer Elemente sollte erst dann als Bestandteil von COBIT 7 bezeichnet werden, wenn ISACA sie publiziert hat. Deshalb sind die Aussagen hier bewusst als Thesen formuliert.

Entscheidend wird für mich ohnehin nicht sein, wie viele neue Inhalte COBIT 7 bringt. Entscheidend ist, ob es Unternehmen besser dabei unterstützt, aus der wachsenden Komplexität von Technologien, Risiken, Frameworks und Regulierung ein integriertes, messbares und nachweisbar wirksames Governance-System zu gestalten. Daran wird sich die nächste Generation messen lassen müssen.

10. Fazit: COBIT 7 kommt zur richtigen Zeit

Mit diesen Thesen lehne ich mich bewusst aus dem Fenster. Was ich beschrieben habe, ist keine Vorwegnahme von COBIT 7, sondern meine Ableitung aus Entwicklungen, die heute schon sichtbar sind: AI verändert Entscheidungsprozesse und Verantwortlichkeiten. Digital Trust wird zum Governance Outcome. Die Regulierung nimmt zu, und mit ihr die Zahl der Standards, die ein Unternehmen gleichzeitig bedienen muss.

Es braucht deshalb nicht mehr Governance. Es braucht besser integrierte Governance.

COBIT muss ISO/IEC 42001, NIST AI RMF, DORA, NIS2 oder das DTEF nicht ersetzen. Seine Stärke könnte gerade darin liegen, diese Anforderungen auf der Ebene der Enterprise Governance zusammenzuführen – als Framework to manage Frameworks. Meine Erwartung an die nächste Generation lässt sich auf wenige Punkte reduzieren:

  • Integrierte Governance statt Silos
  • AI Governance als Teil der Enterprise Governance
  • Digital Trust als Governance Outcome
  • Common Controls statt Redundanz
  • Evidence und Assurance statt Dokumentation
  • Ein digital gestütztes Governance-System, das den Schritt von dokumentierter zu demonstrierbarer Governance tatsächlich ermöglicht

Nach der Veröffentlichung werde ich auf diesen Beitrag zurückkommen und Bilanz ziehen: Welche Thesen haben sich bestätigt, wo lag ich daneben, was hat ISACA verändert, das ich nicht auf dem Radar hatte – und was bedeuten die tatsächlichen Neuerungen für die Governance-Praxis? Möglicherweise stelle ich dann fest, dass ich mich an der einen oder anderen Stelle zu weit vorgewagt habe. Das gehört dazu.

Die Frage, an der sich alles entscheidet, bleibt davon unberührt: Kann COBIT 7 Unternehmen dabei helfen, aus der Komplexität von Technologie, AI, Risiken, Regulierung und Frameworks ein integriertes, messbares und nachweisbar wirksames Governance-System zu bauen?

Liefert es darauf eine überzeugende Antwort, ist es kein Update von COBIT 2019. Dann ist es die fällige Frameworkanpassung an eine neue Realität der Enterprise Governance.

Glenfis und COBIT 7: von Anfang an dabei

Bei Glenfis begleiten wir die Entwicklung von Governance-Frameworks nicht erst, wenn sie publiziert sind. Seit COBIT 3 setzen wir das Framework in Beratungsmandaten um, bilden dazu aus und bringen die Erfahrungen aus Governance-Modellen, Assessments und Target Operating Models zurück in die Diskussion um die nächste Generation. Bei COBIT 7 wird das nicht anders sein.

Am 18. und 19. November 2026 – wenige Wochen nach dem Launch – führen wir den ersten COBIT® 7 Foundation Kurs durch. Dort berichten wir im Detail, was ISACA tatsächlich verändert hat, wie sich die Neuerungen in bestehende Governance-Systeme einfügen und welche der hier formulierten Thesen Bestand hatten. Die Teilnehmenden gehören zu den Ersten, die die neue Zertifizierung erwerben können.

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