Die IT-Organisation als digitale Fabrik

Das Streben nach Digitalisierung, Cloud-Technologie und Agilität im Verhalten und der Zusammenarbeit der Mitarbeiter hat die Uhren in vielen Organisationen schneller ticken lassen. Es gilt den Wettlauf der Zeit nicht zu verlieren und daher muss alles noch einen Zacken flotter gehen. Dass dies nicht mit schnellem Arbeiten oder noch mehr Mitarbeiter funktionieren kann, versteht sich von selbst. Unbeirrbare Roboter und Automaten sollen die Arbeit verlässlicher und rund um die Uhr verrichten können, ohne Anspruch auf Krankheit und Urlaub. So weit ist der Business-Case überzeugend erklärt. Nur will man die Errungenschaften wie qualitätssichernden Kontrollmassnahmen und Sicherheitsprüfungen nicht einfach vom Tisch wischen, sondern auch gleich durch den Automaten sicherstellen lassen.

An Best-Practice Empfehlungen und Rahmenwerke fehlt es nicht. Es herrscht regelrecht ein Wettbewerb in Unternehmen, welcher Ansatz nun am besten geeignet ist, die breitgefächerten Ansprüche möglichst ganzheitlich zu berücksichtigen. Ich habe mich dazu bereits mit einer Kolumne in der Netzwoche geäussert (Fifty Shades of IT-Management) oder auch hier im Blog mit dem Beitrag «Krieg der IT-Management Frameworks». Nur, all diese Best Practices sind in erster Linie dokumentierte Praktiken, welche ohne Strategie nicht wertstiftend umgesetzt werden können. Und wie schon der frühere Vorstandschef von Telefonica Deutschland, Thorsten Dirks, so trefflich ausgedrückt hat: «Wenn Sie einen Scheissprozess digitalisieren, dann haben Sie einen scheiss digitalen Prozess.» Das gilt ganz speziell auch innerhalb der IT. Und man stelle sich vor, jedes agile DevOps-Team definiert für sich, wie es die Produkt- und Service-Erbringung organisieren, automatisieren und optimieren will. Wer will denn da noch genau verstehen und auch verantworten, wie die IT als digitale Fabrik das Unternehmen zusammenhält.

So eine DevOps-Zelle lebt genauso lange, wie deren Key-Leader auch Teil des Teams sind und das Konzept beisammenhalten. Klar kann man nun argumentieren, dass mit SAFe nun ein Framework zur Verfügung steht, welches die Skalierung der Agilität in Unternehmen organisieren hilft. Nur wird damit einerseits die gewohnte Management-Hierarchie durch eine fachliche Hierarchie mit vielen neuen Rollenbezeichnungen ersetzt und primär die Kommunikationsregeln neu definiert. Wie ein Blueprint der IT-Organisation als digitale Fabrik im Unternehmen genau funktionieren soll, wird damit nicht geklärt.

Wenn die IT-Organisation mit all ihren Partnern und Lieferanten als digitale Fabrik im Unternehmen funktionieren und konstant Produkte und Services in hoher Qualität liefern soll, dann braucht es eine übergeordnete Sicht auf das Betriebsmodell dieser Fabrik. Es brauch eine Architektur, respektive eine Reihe von Informations- und Technologie-Konzepten, welche in dieser Fabrik verbindlich angewendet werden müssen. Wenn die digitalen Fliessbänder – oder neudeutsch «Valuestreams» – grenzen- und barrierefrei funktionieren und konstant Mehrwert generieren sollen, dann müssen die Stecker zwischen all den beteiligten Apps und Support-Anwendungen, Daten, Server, Netzwerke feingranular abgestimmt werden, sodass keine Reibungsverluste oder manuelle Eingriffe notwendig werden.

Gut – das ist vielleicht etwas utopisch. Es braucht wohl immer auch Raum für Unvorhergesehenes. Aber interessanterweise fehlt in den meisten Unternehmen genau eine solche grundsätzliche und übergeordnete Sichtweise. IT-Organisationen werden vielfach immer noch als Projektabwicklungs-Organisation mit zusätzlichem Wartungs- und Betriebsauftrag verstanden. So wird jedes Projekt ein Unikat und wird allerhöchstens auf Einhaltung von Technologie-Standards hin überprüft. Ausnahmen werden aber laufend bewilligt, wenn der funktionale Nutzen halbwegs überzeugt. Die IT-Organisation bleibt ein Flickenteppich an Lösungen, Architekturen und Konzepten mit verteiltem KnowHow, welches die zahllosen Enden versucht zusammen zu halten.

Wenn die digitale Fabrik noch zusätzlich zu einer Smart Factory für das Unternehmen werden soll, dann braucht es modular aufgebaute und mit standardisierten Schnittstellen unter Verwendung moderner Technologien unterstützende Funktionen. Die IT-Organisation als digitale Fabrik liefert nicht einfach neue Applikationen, Arbeitsplätze oder Infrastrukturen für das Unternehmen. Klar, das braucht es auch. Aber ohne ganzheitliche Architektur fehlt das digitale Wertenetzwerk, welches IT-Organisationen befähigt, digitalen Produkte und Services bereitzustellen, die das Unternehmen wettbewerbsfähiger machen. Um in der digitalen Dienstleistungswirtschaft wettbewerbsfähig zu sein, muss sich die IT von einer technologie- und projektzentrierten Ausrichtung zu einem neuen Management-Ökosystem wandeln, das sich darauf konzentriert, Menschen und Technologien auf neue Art und Weise zu verbinden und neue Erfahrungen und Innovationsmöglichkeiten zu schaffen. Die neue digitale Fabrik braucht ein neues IT-Betriebsmodell. Eines, dass die Multi-Sourcing-Service-Ökonomie unterstützt, und eines, das neue Erfahrungen bei der Förderung von Services ermöglicht und die Innovationen vorantreiben. Es braucht einen grundsätzlich neuen Führungsstil, bei dem die IT im Zentrum für Geschäftsinnovationen ist und an den Innovationen gemessen wird, die sie liefert, und nicht an den Kosten, die sie verursacht. Und es braucht eine Vision der Grundprinzipien und Regeln, welche die Fabrik zusammenhält. Und ja, wenn diese Vision und Architektur einer digitalen Fabrik mal stehen, dann können die Frameworks gute Dienste leisten.

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